Feminismus ist anti-faschistisch

Wir sassen im Geschichtsunterricht in der Sekundarschule und uns wurden auf dem surrenden Hellraumprojektor die Bilder gezeigt von Militäraufmärschen, von Menschenmassen mit Hitlergruss und von den Geschwistern Scholl. Nach diesen Lektionen gab es immer reges Getuschel im Gang. “Was hättest du damals gemacht?” Eine Frage unter 13-jährigen, die wir mit der naiven Gewissheit stellten, sie nie nie nie in unserem Leben wirklich beantworten zu müssen.

Es wäre schön, mein 13-jähriges Ich hätte Recht behalten. Überall erstarken rechtspopulistische Parteien, gewinnen Wahlen, Neo-Nazis marschieren offen durch die Strassen, zünden Häuser an, in denen geflüchtete Menschen Unterschlupf gefunden haben. !–more–>

Die Frage vom Korridor des Lärchenschulhauses “Was hättest du damals gemacht?” lautet heute anders: “Was machst du jetzt?” Jetzt im 21. Jahrhundert, jetzt so viele Jahre nach 1933, jetzt am 8. März?

Heute haben die Alt-right, die white pride und weitere rechtsextreme Bewegungen sich den Anti-Feminismus und den offen gelebten Frauenhass zum Programm gemacht. Ihren Anti-Feminismus benutzt die Rechte, um sich bei selbsternannt Bürgerlichen und Liberalen anzubiedern. Und sie holen all jene Männer ab, die den Untergang des Patriarchats und den Verlust ihrer Privilegien mit allen Mitteln verhindern wollen. 

Faschistoide Parteien, wie die Alternative für Deutschland oder die Schweizer Volkspartei benutzen ihren Rassismus, um Frauen* auf ihren Platz zu verweisen.
“Schützt eure Frauen* und Töchter*”
Schützt eure Frauen* und Töchter* wovor?
Schützt sie vor dem “Ausländer”, vor dem “Fremden”.
Schützt sie vor ihm, denn es ist euer Privileg, sie als Besitz zu betrachten.
Schützt sie, denn es ist euer exklusives Recht, sie zu vergewaltigen.
Schützt sie, denn es sind eure Kinder, die sie zu gebären haben. 

Im Faschismus ist die Frau eine Reproduktionsmaschine, die den Volkskörper vermehren solle. Und dabei hat die faschistische Ideologie tragischerweise die Macht der Frauen sehr richtig eingeschätzt. Wer die Körper der Frauen beherrscht, der beherrscht die Zukunft.
Wer kontrolliert,
mit wem wir vögeln,
ob wir verhüten,
ob wir ein Kind austragen wollen
und wie wir es vom wem erziehen lassen wollen,
der kontrolliert die Grundfesten unserer Gesellschaft. 

Und an diesem Punkt treffen sich der Kapitalismus, der Faschismus und das Patriarchat auf ein Feierabendbier. Der Kapitalismus braucht die Frau als kostenlose Dienstleisterin. Sie muss gratis all diese Arbeit leisten, die der Kapitalismus in seiner Rechnung ausblendet muss, um die Lüge aufrecht zu erhalten, er hätte je auch nur einen Tag lang funktioniert. Der Faschismus braucht die Frau als Gebärgefäss, um eine nächste Generation einer Herrenrasse zu empfangen und auf die Welt zu setzen. Das Patriarchat stellt den beiden die Unterdrückungsmechanismen, die Sexismen, die Formen der Diskriminierung und die Legitimierung der sexualisierten Gewalt zu Verfügung, um die Menschen durch Drohung, Scham und Hass gefügig zu machen. 

Wäre die Frau frei zu leben und zu lieben, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Läge bei ihr, und einzig und allein bei ihr die Verfügungsgewalt über ihren Körper:
Es gäbe keine Klassen.
Es gebe keine Erblinien.
Keine Kapitalakkumulation.
Keine Dynastien.
Keine bürgerliche Kleinfamilie, wo die Frau in die Küche und ins Kinderzimmer verbannt wird.
Kein Zwang zum leisten von Care-Arbeit, wenn sie nicht geleistet werden will oder nicht geleistet werden kann. 

Wäre die Frau frei zu leben und zu lieben, wie es ihren Bedürfnissen entspricht:
Dann wären uns die Worte:
völkisch und Rassenrein fremd,
weil es kein Phänomen, keine Geisteshaltung gäbe, die dieser Begriffe bedürfen würde.

Der anti-faschistische Kampf kann nur erfolgreich sein, wenn es auch der feministische Kampf ist.
Die feministische Bewegung kann nur alle Lebensbereiche erfassen, wenn sie zu jedem Zeitpunkt anti-faschistisch, anti-rassistisch und intersektional agiert.
Der Widerstand gegen den Faschismus lebt abseits der Heteronormativität.
Der Widerstand gegen den Faschismus ist queer.
Der Widerstand sind wir.
Wir werden noch einige Reden schreben
Transpis malen
Blumensträusse hinschmeissen
Proteste anführen
Parolen schreien
Klagen einreichen
Lieder singen
Blockaden halten müssen. 

Aber wer, wenn nicht wir? Und wann, wenn nicht in jedem Moment, in dem wir die Kraft dafür finden?
Am 8. März und an allen Tagen im Jahr leisten wir Widerstand: Siamo tutti antifascisti. 

 

Rede zum Internationalen Frauen*kampftag von Anna Holm

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