Rede zum 1. Mai

Vorgestern, kurz vor Ablauf der Frist, habe mich ich für das Herbstsemester an der Universität Basel eingeschrieben.
Vor 1890 hätte ich mich als Frau nicht für das Studium anmelden können.
Vor wenigen Tagen habe ich mein Stimmcouvert, wie vor jeder Abstimmung, zum Gemeindebriefkasten gebracht.
Vor 1971 wäre mir dieses Recht verwehrt geblieben.
Wenn ich Gewalthandlungen in einer Partnerschaft oder Ehe erlebe, wird dies von Amtes wegen als Delikt verfolgt.
Vor 2004 wäre mir dieser Schutz nicht garantiert gewesen.

Und sobald solch kleine Erfolge verzeichnet werden können, erheben sich konservative Stimmen: Wozu also noch sich auflehnen, wogegen protestieren? 

An ebendieser Universität, an der ich mein Studium absolvieren möchte, sind 55% meiner Mitstudierenden Frauen. Doch unter den Dozierenden finden sich nur 27%. Professorinnen noch weniger. Ich darf meine Stimme an der Urne abgeben und für politische Ämter kandidieren, im Wissen, dass gesamtschweizerisch weder in städtischen, noch kantonalen Legislativen oder Exekutiven, noch auf Bundesebene Frauen mehr als ein Drittel der Räte stellen. Gewalt wird zwar als Delikt endlich auch in Partnerschaften verfolgt, dennoch wird all zwei bis drei Tage eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner umgebracht. All zwei bis drei Tage.

Liebe Anwesende, es sind kleine Beispiele aus einem riesigen Topf an Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Diskriminierung.
Jedes Mädchen wird in eine Gesellschaft hineingeboren, in der es unterrepräsentiert ist und unterbezahlt, Abwertung und Entwertung ausgesetzt. Wir setzen Menschen mit der Gewissheit auf dieser Welt, dass es ein statistisches Wunder wäre, wenn sie nie in ihrem Leben schwere sexualisierte Gewalt erfahren.

Das ist die Perspektive. Das ist die Welt in der wir leben.

Es darf nie zur Debatte stehen, ob wir sie verändern wollen. Kein Preis ist zu hoch für diese Veränderung, kein Preis ist höher als den, den wir heute zahlen.
Jeder und jede, die nicht bereit sind, das herrschende System abzulehnen, dulden diese Zustände. Es reicht nicht, die Unterdrückung nur abzuschwächen, ein wenig Geld für das Gleichstellungsbüro zu sprechen und im Kindergarten zum Muttertag ein Kärtchen zu basteln. Damit ändern wir nichts daran, dass der Grad an Repression von der Gunst der Mehrheit abhängig ist. Von der Gunst der Mächtigen, von der Gunst der Besitzenden.
Das ist nicht Freiheit!

Für Freiheit müssen wir den Mut haben, uns zu empören!
Wir müssen den Mut haben uns zu empören über all die Dinge, die wir angefangen haben als normal zu sehen. Unser Alltag ist dermassen von ihnen geprägt, dass wir uns im konstanten Widerstand befinden müssen, sobald wir sie als Missachtung unsere Freiheit und Würde anerkennen.
Und das ist es, was ich heute von uns allen fordere. Widerstand.
Duldet nicht, nehmt nicht hin, und zwar alle, egal was ihr zwischen den Beinen habt oder wie ihr euch identifiziert.

Feminismus ist kein Frauenthema, Feminismus ist die Erkenntnis, dass alle Themen auch Frauenthemen sind.

Feminismus nimmt keinem Diskurs Platz weg, im Gegenteil, es ist eine bereichernde ja eine notwendige Perspektive, um die Gesamtheit und Zusammenhänge der heutigen Machtverhältnisse zu verstehen.
Um die Umstände in denen wir leben zu verstehen, müssen wir endlich die Lebensrealität der Hälfte der Weltbevölkerung mit einbeziehen. Es scheint sehr banal und bedeutet doch eine fundamentale Veränderung unserer Gesellschaft.

Wie wollen wir die Klimakatastrophe bremsen, solange weibliche Arbeitskraft wie unsere Umwelt als eine frei zur Verfügung stehende, endlose Ressource behandelt wird?
Wir wollen wir die Ausbeutung der Länder des Südens stoppen, wenn wir die Situation und gesellschaftliche Funktion der Frauen ignorieren?
Wie wollen wir soziale Gerechtigkeit erreichen, ohne die konkreten Gründe zu untersuchen, die spezifisch Frauen an das Existenzminimum und in die Altersarmut treiben?

Über Jahrhunderte, Jahrtausende wurden Stimmen von Frauen, queeren Menschen, people of colour, zum verstummen gebracht, ausgeblendet, an den Rand der Gesellschaft verdrängt. Frauentaten wurden Männern zugeschrieben und Geschichte zensiert.

Es ist nicht an uns, Menschen eine Stimme zu geben, uns anzumassen, für sie sprechen zu wollen. Es ist an uns, gegen jene anzukämpfen, die diese Stimmen unhörbar machen und gegen jene, die nicht bereit sind, das Privileg anzuerkennen, von der Unterdrückung der anderen zu profitieren.

Das Ungehörte muss unüberhörbar werden,
das Ungesehen, unübersehbar

Ob wir an den Klimastreiks für eine Zukunft auf die Strasse gehen, am 14. Juni streiken, für eine ausgeglichene Verteilung der Sorge- und Versorgungsarbeit einstehen, ob wir Teil der Arbeiter*innenbewegung sind, uns für Mindestlöhne einsetzen, für die Erhaltung natürlicher Lebensräume –

Uns eint ein Ziel:
Eine Welt in der nicht die Profite einiger weniger zählen, sondern die Bedürfnisse aller.
Eine Formulierung, so simpel und so machtvoll.

Vergessen wir nie, wie viele wir sind und wieviele Kämpfe wir kämpfen, die im Grunde eine geeinter Kampf sind.

As we go marching, marching, we’re standing proud and tall
for the rising of the women means the rising of us all
No more the drudge and idler, ten that toil where one reposes,
But a sharing of life’s glories, bread and roses, bread and roses.

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