Nils

Bildungsreise – Trotzdem nichts gelernt?

Blogbeitrag von Nils Jocher, Vorstand JUSO BL

Es gibt Momente, da habe ich Angst. Genau so wie es Momente gibt, in denen ich Hoffnung empfinde oder in denen mir alles unecht vorkommt. Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit eine Reise nach Südpolen zu unternehmen und diverse Sehenswürdigkeiten abzuklappern – was man halt so macht, wenn man mit der Schule unterwegs ist. Nach einer langen Fahrt im stilechten Bus ohne Klimaanlage sind wir in einer alten Siedlung angekommen. Heute ist sie verlassen, vor vielen Jahren war sie voller Menschen.

Die Grösse der Siedlung hat mich umgehauen. Wir wurden herumgeführt und ich war beeindruckt vom strukturierten Aufbau. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine andere Zeit und konnte mir vorstellen, wie die Menschen dort gelebt haben. Die Landschaft um die Siedlung war wunderschön und gerne wäre ich einige Stunden in dieser Gegend spazieren gegangen. Wir hatten Glück mit dem Wetter. Es war warm, sonnig und wolkenfrei. Kaum vorzustellen, dass diese schöne Gegend über Jahre von einer Wolke aus den Kaminen von Auschwitz-Birkenau verdeckt war. Den dunklen Schatten dieser Wolke konnte ich jedoch noch immer spüren. In den engen, kahlen Räumen wurde mir schlecht. Ich musste ans Fenster – frische Luft! Unmengen von Menschen hatten an diesem Ort ihr Leben gelassen. Mehrheitlich Juden. Grundlos. Ich empfand Wut. Wut auf ein Regime, das unbegründet Hass gegen eine Menschengruppe entwickelte und diesen Hass auf perverse Art und Weise auslebte.

Die Schweiz hat in dieser Zeit nicht gerade eine gute Figur gemacht. Wie ich lernen musste, hatten “besorgte Bürger” bei uns Angst vor einer “Verjudung”, Angst vor zu viel Fremden und Angst, “unsere” geliebte Schweiz zu verlieren. Der Schweizer Bundesrat wusste genau, was damals in Nazideutschland passierte. Die Zeitungen berichteten, die Menschen redeten, die Botschafter bestätigten – Herr und Frau Schweizer wussten Bescheid. Und trotzdem: Man handelte mit Hitler und Mussolini, man forderte die Kennzeichnung von jüdischen Pässen, man wusch Totengold und fügte sich opportunistisch den angeblichen “neuen Machtverhältnissen” (vgl. Rede von Bundespräsident Pilet-Golaz, 1940)

Millionen von Menschen leben auf der Flucht, nicht damals, sondern jetzt! Millionen von “faulen Wirtschaftsflüchtlingen” wollen in die Schweiz, sagen die Wutbürger. Millionen von Menschen sterben im Krieg – sagt die Statistik. Ich für meinen Teil glaube seriösen Zeitungen und unabhängigen Statistiken eher als der millionenschweren Propagandamaschinerie einer Partei. Die Leute heute sterben wohl aus ähnlichen Gründen wie damals. Machtgier, Egoismus und verwerfliche rechte Ideologien, die Nächstenliebe nicht kennen.

Was ist mit der Schweiz? Verschliessen wir die Augen wie damals im Zweiten Weltkrieg? Tun wir etwas gegen den aufkommenden Fremdenhass und gegen rechte Hetze gegen Zuflucht suchende Menschen? Unterstützen wir den Krieg mit Waffenexporten? Verpassen wir die Chancen, unsere Fehler von damals nicht nochmals zu begehen?

Wenn ich heute Schlagzeilen in Schweizer Tageszeitungen lese, dann erlebe ich keinen Moment der Hoffnung. Ich habe Angst.

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